Supermakros

Spektakuläre Nahaufnahmen lassen erahnen, wie feingranular unsere Umgebung doch für Kleinstlebewesen aussehen muss. Einzelne Haare werden zu strukturierten Röhren und Blätter weisen autobahnähnliche Straßen auf.

Man möchte vermuten,  dass für solche Aufnahmen teures Spezialequipement oder besondere Makroobjektive notwendig wären, doch die Investitionen halten sich in überschaubaren Grenzen, vorausgesetzt eine Spiegelreflexkamera ist vorhanden.

Die Technik hinter der Supermakrofotografie nennt sich Retroringfotografie/Umkehrringfotografie und lässt sich z.B. prima mit einem vorhandenen Kit-Objektiv (in meinem Fall ein Canon 15-55mm 3,5-5,6 IS) umsetzen.  Der Retroring/Umkehrring wird dem gewünschten Objektiv auf das Filtergewinde geschraubt (hierbei beim Kauf unbedingt auf den Filterdurchmesser und das entsprechende Bajonett der Kamera achten). Anschließend kann das Objektiv umgekehrt auf das Bajonett des Kamera-Gehäuses aufgesetzt werden. Wir erhalten also eine umgekehrte Objektivkonstruktion, bei der nun der Dorn des Objektivs nach vorne schaut. Hierbei ist zu beachten, dass gerade der Dorn des Objektivs durch seine Vertiefungen besonders staubanfällig ist. Setzt sich hier Staub während der Retroring-Fotografie fest und wird das Objektiv anschließend wieder für die konventionelle Fotografie verwendet, sorgen die Luftverwirbelungen vom Spiegelaufschlag für eine Staubverteilung innerhalb des Bodys. Dies gilt es unbedingt zu vermeiden! Ein Bajonettschutz sollte also unbedingt gleich mitbestellt werden.

 

Natürlich funktioniert ab jetzt weder eine Bildstabilisierung, Blendenvorwahl oder die Automatische Fokusierung mehr. Der Fotograf ist nun auf sich selbst gestellt. Bei Zoomobjektiven ist der Abbildungsmaßstab der Brennweite nun invertiert. Der größte ‚Zoom‘ entsteht im eigentlichen ‚Weitwinkelbereich‘. Sieht man sich nun die ersten Objekte durch den Sucher an, wird man sehr schnell feststellen, dass der Schärfegrad im Weitwinkelbereich recht schmal ist, aber im Zoombereich fast schon auf zehntel/mm schrumpft. Gleichzeitig nimmt die Lichtstärke mit zunehmendem Zoom extrem stark ab. Ein entfesselter Blitz und ein Stativ sind also ab einem gewissen Abbildungsmaßstab ein Muss!

Möchte man den Schärfegrad auch bei mittlerem Zoom auf ein akzeptables Niveau bringen, muss die Blende geschlossen werden. Aber wie, an einem Objektiv, das man in der Retroringstellung nicht elektronisch ansteuern kann?  Dafür gibt es einen kleinen Hack.

Blendenvorwahl für die Retroringfotografie

Das Objektiv wird richtig herum auf die Kamera geschraubt und im Blendenvorwahlprogramm der Kamera z.B. eine Blende 8 voreingestellt. Hält man man nun die Blendenvorwahltaste gedrückt schließt sich die Blende. Lässt man den Knopf wieder los, springt sie in die Offenblende zurück. So kennt man es.

Aber jetzt kommt der Trick. Wird das Objektiv abgeschraubt, währenddessen die Blendenvorwahltaste gedrückt wird, bleibt die Blende quasi hängen. In diesem Stadium lässt sich das Objektiv nun auch in der Retroringstellung verwenden, mit dem Vorteil, dass der Schärfegrad nun etwas größer ist, aber auch hier erkauft durch weiteren Lichtverlust. Die Blende zu verstellen ist nur bis zu dem Punkt möglich, solange man in der Retroringstellung das gewünschte Objekt noch sehen kann, um noch ordentlich fokussieren zu können. Eine große Hilfe hierbei kann entweder eine Schreibtischlampe als Fokusierhilfe oder unter freiem Himmel ein Faltreflektor sein.

Höhere Blendenzahl = weniger licht = größerer Schärfegrad

Das Arbeiten mit dem Retroring

Unbedingt im vollmanuellen Modus arbeiten, dazu später mehr.

Das Arbeiten mit sich bewegenden Objekten (dem Wind ausgesetzte Blumen, Tiere) ist ein recht schwieriges Unterfangen, denn die Fokussierung bei der Retroringfotigrafie wird am besten über den richtigen Abstand zu dem Motiv gewährleistet. Ein scharfes Bild ist also bei bewegten Motiven mehr Zufall als Absicht.

Die Motive sind bei der Retroringfotigrafie idR. sehr nahe am Objektiv (1-10 cm). Ein integrierter oder aufgesteckter Blitz wird hier kaum weiterhelfen. Das Objektiv wird den Blitz weitestgehend verdecken. Hier bietet es sich an entfesselt zu blitzen. Z.B. ein E-TTL Blitzkabel oder ein Funkfernauslöser helfen hier ungemein, um das Motiv von der Seite oder von hinten/oben zu beleuchten.

Durch die geringe Distanz zwischen Blitz und dem beleuchtetem Motiv wird man sehr schnell die Grenzen der Technik kennen lernen. Licht nimmt bekanntlich im Quadrat zur Entfernung ab. Befindet sich der Blitz also direkt vor dem Motiv erfährt der Kammerasensor die direkte Blitzleistung ohne große Verluste. Was dazu führt, dass man die Leistung des Blitzes unbedingt manuell reduzieren muss (1/64 der Blitzleistung ist idR. vollkommen ausreichend) Dennoch wird das geschossene Bild in diesem Moment evtl. immer noch überbelichtet sein. Die ISO der Kammera also auf den minimal möglichsten Wert einstellen (50 bzw.100). Die letzte technische Einstellungsmöglichkeit ist nun die Belichtungszeit. Jetzt wird es aber spannend. Verschlusszeiten von > 1/250s sind zu kurz, für den Verschlussvorhang der Kamera (sog. Blitzsynchronisation).

Der Verschlussvorhang vor dem Kamerasensor ist zu unterschiedlichen Zeiten geöffnet. Der Blitz ist aber nach einer gewissen Zeit schon wieder ‚erloschen‘. Und zwar noch bevor der Verschlussvorhang alle Bereiche des Kamerasensors aufgedeckt hat. Das Resultat sind Bilder, die zwar richtig belichtet worden sind, aber nicht überall gleich vom Blitz versorgt wurden.

 

Ist das Motiv bei der Retroringfotografie trotz aller Maßnahmen immer noch zu hell, der kann jetzt anfangen werden, den Blitz langsam weiter entfernt zu platzieren. Der Effekt ist trotz Unterschiede von nur wenigen cm. gut sichtbar. Das wohl beste Mittel zur Belichtungskontrolle.

Wer also in Zukunft trotz Blitzen dunkle Bilder sieht, weiß ab jetzt, woher das kommt.

Filmen

Auch das Filmen mit genügend Licht ist mit dem Retroring möglich. Hier ein Beispiel von der Arbeit kleiner Weinhefen in einer Maische.

Retroringfotografie ist etwas zum tüfteln für Leute mit viel Geduld. Nur ein ganz kleiner Bruchteil aller geschossener Bilder wird anfangs gelingen. Aber das Resultat sind sehr besondere Bilder, die in dieser Ansicht kaum einem Makroobjektiv je gelingen werden. Der Kreativität sind im Umgang mit Kleinstteilen kaum Grenzen geboten.

Zum Schluss noch ein paar lose Impressionen

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