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Wie viel Wohnfläche brauche ich?

Gerade baue ich ein Haus, das viele bestimmt als Tiny House bezeichnen würden aber ich vermeide den Begriff gerne, weil das typische Tiny House in vielen Ländern rechtlich anders gestellt ist zu einem normalen Haus und deshalb oftmals als „fancy Wohnanhänger“ gebaut wird. Mit all seinen Vor- und Nachteilen.

In meinem Fall geht es um kleines Haus mit einer nutzbaren Wohnfläche von ca. 50m² und ich frage mich: Reicht das für zwei Personen?

Fangen wir mit Deutschland als Referenz an. Wir bauen in Deutschland und wir sind in Deutschland sozialisiert worden und ein Großteil unserer Einflüsse besteht darin was wir tag täglich sehen und womit wir uns umgeben.

Der Deutsche Bundestag hat im Zusammenhang der Ermittlung für das finanzielle Existenzminimum 2019 auch Wohnflächen für Alleinstehende und Paare als Berechnungsgrundlage hergenommen:

…es werde bei Alleinstehenden von einer Wohnung mit einer Wohnfläche von 40 Quadratmetern ausgegangen. Die aufgrund der Wohngeldstatistik ermittelte Bruttokaltmiete einer solchen Wohnung wird für 2019 mit 289 Euro im Monat und für 2020 mit 296 Euro im Monat angegeben. Für Verheiratete wird eine Wohnung von 60 Quadratmetern als angemessen angesehen…

https://www.bundestag.de/presse/hib/578520-578520#:~:text=F%C3%BCr%20Ehepaare%20wird%20das%20Existenzminimum,Wohnfl%C3%A4che%20von%2040%20Quadratmetern%20ausgegangen.

Unser neues Haus liegt also 20% unter der Berechnungsgrundlage des deutschen Bundestages für die Berechnung des Existenzminimums.

Des weiteren gibt es aber noch für einige Bundesländer Mindestquadratmeterzahlen pro Person für Mietwohnungen. In Berlin z.B. 9m² pro Erwachsenem. Mir kommt es aber so vor, als ob dieser Referenzwert nur bei der Überbelegung von Wohnungen hergenommen wird um eine rechtliche Handhabe darüber zu haben ab wann eine Wohnung „zu voll“ ist. https://www.bundestag.de/resource/blob/526488/a00597c5cfec573345433ca31afddece/wd-7-102-17-pdf-data.pdf

Ein kleiner Exkurs nach England

Der London Housing Design Guide ist hier deutlich detaillierter und geht auf viele Einzelheiten ein und würde für meine Situation „1-bed, 2-persons“ 35m2 als Minimum ansehen.

https://www.london.gov.uk/sites/default/files/interim_london_housing_design_guide.pdf S92

Wie sieht es in Deutschland denn tatsächlich aus?

Wie viel m² Wohnfläche steht in Deutschland denn jedem durchschnittlich zur Verfügung? Dazu weiß das statistische Bundesamt mehr. Im Jahr 2018 steht einem 2 Personenhaushalt 99m² zur Verfügung.

Natürlich gibt es innerhalb von Deutschland noch regionale Unterschiede, die man hier gut sehen kann. Metropolen zeichnen sich stark von ländlicheren Bereichen ab. Die oben genannten 99m² pro 2 Personenhaushalt lassen sich hier aber gut nachvollziehen.

Dazu sei aber gesagt, dass es alleine in meinem Umfeld viele Menschen gibt, die altersbedingt oder situationsbedingt sehr große Mehrfamilienhäuser alleine bewohnen und ich glaube, dass sich diese Wohnkultur natürlich auch in dieser Statistik widerspiegelt. Deshalb nehme ich diesen Wert zwar zur Kenntnis aber bezweifle dass das ein Maß für die Wohnungsgrößenwahl sein sollte, weil sie stark verzerrt sein kann.

Wohnfläche vs. Zufriedenheit

Wenn über die Grundbedürfnisse hinaus Platz zur Verfügung steht kann mit diesem Platz eine gewisse Freiheit für Aktivitäten geschaffen werden was sich natürlich in einer Art von Zufriedenheit widerspiegelt. Aber darüber hinaus steigt die Zufriedenheit nicht so stark an, wenn z.B. ein weiteres Zimmer hinzukommt.

…we would expect more space to lead to higher subjective well-being but with diminishing marginal effect. In other words, an increase from 1 room per person to 2 rooms per person is likely to facilitate more activities and values than an increase from 2 rooms per person to 3 rooms per person.

https://link.springer.com/article/10.1007/s10902-016-9732-2 (Pathway 1: Facilitating Activities and Values)

Gleichzeitig muss man aufpassen, dass man „Zufriedenheit durch Platz“ nicht damit verwechselt welche Zufriedenheit mit dem erhöhten gesellschaftlichen Status einhergeht, welcher einem durch Geld mehr Platz verschaffen kann. Sozialer Status spiegelt sich natürlich auch in der Wohnsituation nieder und wer gesellschaftlich „nach oben“ schaut wird dort auch automatisch mehr Wohnfläche finden.

Wie zufrieden ist jemand mit seiner kleinen Wohnung, die er nur deswegen nutzen muss, weil er finanziell nicht in der Lage ist eine größere Wohnung zu beziehen? Ist die evtentuelle Unzufriedenheit mit der Wohnsituation also Folge der Wohnung oder der finanziellen Situation?

In terms of subjective well-being, there is no positive effect of moving to larger accommodation on GHQ or life satisfaction for either sample. This holds true even when we split the 5 year sample according to gender (see “Appendix 4”). In fact, when the 5 year sample is used, there is a significant negative effect of moving to larger accommodation on life satisfaction 2–3 years after the move.

In summary, moving to larger accommodation leads to an increase in housing satisfaction that is partially sustained over the 5 years post-move. However, consistent with the findings of Nakazato et al. (2011) in Germany, this does not translate into an increase in subjective well-being.

https://link.springer.com/article/10.1007/s10902-016-9732-2 (Part 2)

…found a positive effect of moving house (for all reasons) on life satisfaction but this effect lasted for 6 months only.

https://link.springer.com/article/10.1007/s10902-016-9732-2 (The Dynamic Aspect of the Relationship)

Das heißt für mich, dass ich mich nach einigen Monaten nach dem Einzug nochmal selbst reflektieren sollte, wie sich das „downsizing“ auf meine Zufriedenheit auswirkt, wenn sich die erste Euphorie gelegt hat.

„Mindestwohngrößen“ sind ein Problem

Beim Querlesen zu diesem Thema ist mir etwas aufgefallen und zwar, dass der Ruf nach „standartisierten Mindestwohngrößen“ zu einem Problem in dichtbesiedelten Gebieten wie z.B. in Teilen von England kommt. Es werden/wurden große Wohnkomplexe gebaut, die eigentlich das Ziel haben möglichst vielen Leuten bezahlbaren Wohnraum zu bieten. Diese werden aber aufgrund von „minimum living standard requirements“ in zu große Wohnbereiche aufgeteilt und es bleiben weniger Wohnungen übrig was nicht zielführend ist für die eigentliche Intension bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Das gleiche passiert bei der Umnutzung von Büroflächen in Wohnflächen. Die Aufteilung passiert aufgrund der „minimum living standard requirements“ viel zu großzügig.

Zuvor wurden in England zum Teil auch kleine „Hobbit Homes“ als Sozialbau gebaut, die aber nur schwer vermittelt werden konnten, weil die Leute auf den Sozialbau Wartelisten meist Paare und Familien waren. Deshalb aber darauf zu schließen, dass diese kleinen Wohnungen keinen Platz mehr im Stadtbild haben sollten hat das Problem der Wohnungsknappheit aber für alle schlimmer gemacht.

…London Mayor, Boris Johnson, promised that no new
home would be less than 50m² (the recommended size for two people). The first draft of the London Housing Design Guide, (then titled ‘London Residential Design Guide’) included a paragraph that read:
‘The Mayor has found no basis on which to argue for space requirements for a single occupant to be lower than a space designed for two occupants. On inspection of the requirements of a two
person dwelling it is difficult to see where space savings might arise for a one person dwelling.’

http://housingspacestandards.co.uk/assets/space-standards_onscreen.pdf (S.74)

Natürlich ist das Unsinn. Ein Effekt der dadurch auch entsteht ist, dass sich vermehrt Wohngemeinschaften in diesen 50m² Wohnungen bilden um die Mieten für die einzelne Person gering zu halten. Gleichzeitig werden diese Art von Wohnungen aber eigentlich primär von Paaren und Familien benötigt, die dann aber ebenfalls Wohnungen beziehen müssen, welche größer und teurer sind als sie eigentlich benötigen würden.

Minimum Space Standards make the housing crisis worse — here’s why

https://www.centreforcities.org/blog/minimum-space-standards-housing-crisis/

Leerstand in großen privaten Wohngebäuden

Eine 2009 in Auftrag gegebene Studie unter Hauseigentümern im 1h Einzugsbereich von London, die zwischen 2003 und 2006 gebaut hatten ergab, dass 90% der Häuser ungenutzte Schlafzimmer oder Schlafplätze hatten.

http://housingspacestandards.co.uk/assets/space-standards_onscreen.pdf (S.36)

Mit ein Grund für für die Überdimensionierung von Wohnflächen beim Bau ist die Kreditbewertung für Hypotheken oder die Bewertung einer Immobilie zur Vermietung. Ein zusätzliches Schlafzimmer zählt in die Bewertung der Immobilie viel mehr mit ein als die Gesamtgrundfläche oder die Größe der Zimmer. Vermieter können mehr Geld verlangen je mehr Zimmer zur Verfügung stehen. Sinnvoller als mehr Schlafzimmer wären aber ausreichend groß dimensionierte Räume. Es entsteht ein ineffizienter Platzverbrauch.

http://housingspacestandards.co.uk/assets/space-standards_onscreen.pdf (S.72)

Wir sollten auch aus den Erkenntnissen lernen, die unsere Großelterngeneration gesammelt hat. Menschen ab 65 Jahren haben fast doppelt so viel Wohnraum als die 16-44 Jährigen. Früher spielte der Mehrgenerationenhaushalt in die Bauplanung mit ein. Die Kinder oder Enkel sollten unter dem gleichen Dach wohnen. Damals war die Geburtenrate auch noch eine andere.

Wenn ich mich umschaue ist das Konzept des Mehrgenerationenhaushaltes in meiner Umgebung und dem Bekanntenkreis aber nicht eingetreten. Große Mehrfamilienhäuser werden alleine oder zu zweit bewohnt. Auch ohne Aussicht darauf, dass die übrige Wohnfläche wieder neu genutzt wird bspw. zur Untervermietung freigegeben wird. Das Haus wird für die Bewohner in zunehmendem Alter immer mehr zur Last. Heizkosten alleine für ein dreistöckiges Haus aufzuwenden oder sich um die Sauberkeit von einem ganzen Haus zu kümmern ist ab einem gewissen Alter ein Problem. An eine echte Altersgerechtigkeit hatte zum damaligen Bauzeitpunkt auch keiner groß gedacht. Built for life ist für den einzelnen im privaten vielleicht ein tolles Konzept, weil das Haus fast schon garantiert für alle Lebenssituationen immer groß genug sein wird aber gesellschaftlich kann das zu einem Problem werden, wenn die Wohnaufteilung sich nicht dem anpassen kann, dass Wohnraum eigentlich ein knappes Gut ist.

Eigentlich wollte ich für mich selbst nur die Bestätigung haben, dass unser neues kleines Haus ausreichend groß ist. Ich habe bis jetzt nie groß einen gesellschaftlichen Blickwinkel auf das Thema Wohnen gehabt. Wirklich spannend und ich denke es kommt noch ein follow-up dazu.

Was ich für mich mitnehmen kann ist, dass meine Zufriedenheit in der neuen Wohnsituation nicht unbedingt etwas mit der Wohnungsgröße zutun haben wird. Die Gründe für dieses kleine neue Haus sind aber nicht getrieben von einer Größe in der ein sozialer Wohnungsbau stattfinden würde sondern sind eine bewusste Entscheidung hin zu einem smarten Wohnkonzept.

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