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Wir kaufen uns ein Haus aus Estland – Das Haus wird verkrant

Pünktlich um 6 Uhr bekomme ich den Tagesplan aus meinem Projektmanagementtool per Mail geschickt, das mich die letzen 1,5 Jahre fast täglich über die aktuellen Aufgeben informiert hat. Den heutigen Punkt habe ich so spärlich mit Informationen ausgestattet weil es bis zuletzt viel zu surreal war, dass der Tag jemals eintreffen würde.

„Verkranung“ – keine Zeitangabe

Es ist 7 Uhr in der Früh und die ersten Arbeiter der Kranfirma tauchen auf, kratzen Eis von der Steuerkabine des Krans und bereiten die ersten Ketten vor.

Bei der Auftragsvergabe hat unsere Hausbaufirma noch eine andere Verkranungsmethode vorgegeben aber diese Unterlagen haben sich zwischenzeitlich geändert. Die Änderung ist aber nicht bei der Kranfirma angekommen. Wer ließt schon Mails? – Etwas an das ich mich nach etwas Zeit in dem Business schon fast gewöhnt habe.

Es herrscht etwas Unklarheit darüber, ob sich der Kranführer über die Dokumente seines Disponenten hinwegsetzen darf und das Haus anstatt mit 4 Schlupfen nun mit nur 2 verkranen darf.

Der LKW Fahrer zeigt uns auf seinem Handy Bilder wie das Haus in Estland auf den LKW gesetzt wurde. Der Kranfahrer nickt und es geht weiter nach Werkvorgabe. Die Änderung bezog sich darauf, dass kein Traverse mehr notwendig ist, dafür die Ketten deutlich länger sein müssen als ursprünglich geplant. Ich bin insofern beruhigt als dass wir Gewicht durch die fehlende Traverse sparen. Irgendwas zwischen 700-1000kg weniger am Haken des Krans.

Es geht langsam los. Unsere Nachbarn müssen aus Sicherheitsgründen ihre Häuser verlassen. Wir klingeln nochmal sturm um sicher zu gehen, dass niemand mehr drin ist. Es kann los gehen.

Die zwei Schlupfe werden um das Haus geschlungen und wir befestigen noch Gummiplatten zwischen den Schlupfen und dem Haus, sodass sich die Schlupfe nicht verschieben. Ich merke zum ersten Mal wie feinfühlig der Kranfahrer das Seil anziehen kann. Millimeter für Millimeter straffen sich die Haltebänder.

Jetzt ist es soweit. Der Kranfahrer belastet das Seil für die nächsten 5min Kilogramm um Kilogramm und die ersten Geräusche lassen erahnen wie viel Gewicht an den Kunststoffbändern hängt. Die Schlupfe legen sich um das Haus und bewegen sich noch ein paar Millimeter. Das Tiefbett des Transporters entlastet sich hörbar, das Haus macht Geräusche. Der Kranfahrer zieht immer weiter Kilo um Kilo an aber das Haus steht immer noch an Ort und Stelle. Stimmt etwas nicht?

Einer der Arbeiter nimmt eine lange Latte in die Hand und beginnt diese zwischen das Haus und den Schwanenhals des Transporters zu klemmen, dass das Haus nach dem Abheben nicht gleich gegen den Transporter drückt. Das Haus bewegt sich leicht und schwebt auf einmal ein paar cm über dem Transporter. Nun geht es recht schnell. Das Haus wird auf ein paar Meter Höhe angehoben und ich gehe in Richtung der Absetzstelle. Währenddessen wird unser Haus über das Nachbarhaus geschwenkt. Mir kommen in dem Moment Gedanken wie „Wenn mein Karmakonto jetzt gerade leer ist wäre das der Moment wo mir der Ausgleich anstehen würde, während unser Haus genau über dem Nachbarhaus schwebt“.

Ich sterbe innerlich tausend Tode während das Haus immer näher angeschwebt kommt.

Weil in der Sichtlinie zwischen unserem Fundament und dem Autokran jetzt ein anderes Nachbarhaus steht hört man den Motor des Kranes nicht mehr und es ist totenstill, während das Haus in luftiger Höhe schwebt. Der Kranfahrer sieht schon lange nichts mehr und ist auf seinen Kollegen angewiesen, der ihm über Funk Anweisungen gibt. Das Haus ist jetzt recht nah über dem Fundament und ich beginne langsam zu realisieren, dass die Hebedistanz wohl passt und das Haus abgesetzt werden kann. Im Vorhinein haben wir an die äußeren Kanten der Fundamente Zollstöcke gelegt, dass wir mit 4 Personen die letzten paar Zentimeter des Hauses positionieren können. Das Haus steht seitlich um 5cm gegenüber der Fundamente über. Ein längeres Spiel fängt an „rechts“ „links“ „nein doch rechts“ „hier passt es“ „runter!“

Das Haus steht

Die Schlupfe, die die 15t des Hauses gerade noch gespannt gehalten haben beginnen durchzuhängen.

Es ist geschafft, das Haus steht.

Die Last und Anspannung der letzten 1,5 Jahre fallen gerade von uns ab. Ein emotionaler Moment, den ich so schnell nicht mehr vergessen werde. Die Zeit läuft nun gefühlt sehr schnell während Sabine und ich uns erleichtert umarmen. Die Mitarbeiter der Kranfirma lösen die Schlupfe einseitig von den Ketten und ziehen die Schlupfe unter dem Haus heraus und beginnen so in diesem Moment schon mit dem Abbau.

Vermutlich während das Haus seinen Transporter verlassen hat muss der Transporterfahrer schon damit begonnen haben seinen Transporter in der Lände zu verkürzen. Wenn der Transporter ein paar Meter kürzer ist kann er ohne Begleitung auch Tagsüber auf der Straße fahren.

Es sind 2 Tage vor Weihnachten und der LKW Fahrer will zurück nach Polen zu seiner Familie. Ich kann mich noch kurz bedanken und frage beim Verabschieden, ob er es noch rechtzeitig heim schaffen wird. Er nickt, winkt und fährt auch schon rückwärts aus der Straße heraus.

Während ich zurück zum Haus laufe merke ich, dass es kurz vor Weihnachten ist und da steht ein eingepacktes Haus auf dem Grundstück 🥹🎄🎁

Unboxing!

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